ZAPP / Medienmagazin - NDR, 10.09.2014 - 23.20

"Realistisch? Medienkritik als Theaterstück" (TV-Beitrag, 04:56 Minuten)

Wann wird die Beziehung zwischen Prominenten und Boulevardjournalisten zum Problem? Das Theaterstück "Seite Eins" mit Ingolf Lück bringt Medienkritik auf die Bühne.

Interview mit Autor Johannes Kram - 14:27 Minuten (IN MEDIATHEK NICHT MEHR ABRUFBAR)

 

 

dpa

"Der Autor Johannes Kram schrieb ein Stück, 'das keine Wahrheiten predigt, sondern den Zuschauer mit seiner eigenen Rolle in den Medien konfrontiert' (...):  'Es geht jedenfalls nicht darum, einseitig mit dem Finger auf die bösen Boulevardmedien zu zeigen. Wir alle sind Teil der Medien.' "

zeit. de; welt.de; focus.de, stern.de

Presse

Hamburger Abendblatt / Die Welt, 20.03.2015

" 'Die seriösen Medien haben von dem, was wirklich passiert, keine Ahnung. Unsere Wahrheit ist die Wahrheit von Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.' 'Gutmenschen', ruft er abfällig. Die seriösen Medien würden nichts wirklich beim Namen nennen. Leser und Zuschauer würden dies merken und sich mehr und mehr abwenden. In Zeiten, in denen Zuschauer behaupten, die "Tagesschau" manipuliere und die Zeitungen wären nichts als "Lügenpresse", trifft dies vielleicht einen wahren Kern.

Leser und Zuschauer suchen zunehmend Ablenkung, Klatsch, Geschichten, in denen es menschelt. Was umso unglaublicher ist, da menschlicher Umgang eben genau das Gegenteil von Zynismus ist, mit dem der Boulevard arbeitet. Johannes Kram, Autor, Blogger und Marketingstratege, hat mit 'Seite eins' ein sehr wirklichkeitsnahes Stück über die Mechanismen des Boulevards geschrieben, in dem es Aasgeier und 'Witwenschüttler' gibt, aber auch Redakteure, die genau das richtige Thema zur richtigen Zeit aufgreifen."

Tagesspiegel, 03.03.2015:

" ... unterhaltsame und präzise Kritik am Boulevardjournalismus.

(...) Gespielt wird der Mann von Ingolf Lück, der an diesem Abend im Tipi am Kanzleramt das Kunststück vollbringt, einen auf bizarre Art sympathischen Aasgeier auf die Bühne zu bringen, einen Wortverdreher zwischen Machtfantast und Hanswurst. Sein Monolog polarisiert. Aufgeschnapptes Pausengespräch zwischen einem Paar: „Das ist ja echt ein Fiesling!“. Erstaunte Replik: „Findest du?

(...) Krams Anliegen ist kein simples Medien-Bashing. „Seite Eins“ legt vielmehr ein System der multiplen Verflechtungen offen, an dem auch die Leser oder Zuschauer mit ihrer Lust am Untergang anderer beteiligt sind. `Wenn man sich die Fernsehboulevard-Magazine anschaut, Wahnsinn, was für ein Verkehrsunfall-Porno da stattfindet`, findet Kram, `und das sind öffentlich-rechtliche Sender`“.

Berliner Morgenpost, 28.02.2015:

"Perfekt gibt Lück den überdrehten, gewitzten und hinterlistigen Boulevardjournalisten, der alles für seine nächste Schlagzeile tun würde. Mal umschmeichelt er Lea am Telefon, in der nächsten Sekunde brüllt er sie wieder an. 

Als dann herauskommt, dass Leas Freund gar kein Industrieerbe ist, müsste es für ihn eigentlich aus und vorbei sein. Stattdessen läuft Marco erst recht zu großer Form auf. Einer wie er verliert nicht.

(...)  Und komisch ist er, wenn er komplett übertrieben mit seinem Erfolg prahlt. Vom ruhigen zum überdrehten Journalisten und wieder zurück fühlt er sich gut in seiner Rolle als Boulevardjournalist ein. Jeder, der Satire versteht, ist als Zuschauer schon qualifiziert für 'Seite Eins'."

taz, 11.04.2015

"Aber was man bei „Seite Eins” – und das ist durchaus die Absicht des Autors – erkennen kann, ist, dass die Realität um Stars und Sternchen nicht reportiert wird, weil der Stoff eben in der Luft liegt, weil er berichtet werden muss wie ein politisch zwingendes Ereignis.
Die Marcos dieser Welt - die auch weiblichen Geschlechts sein können – tun lediglich so, als bildeten sie das Wirkliche ab, sie backen sich ihre Chose selbst, inklusive aller Klischees und Vorurteile, die sie in sich tragen. Mit anderen Worten: „Seite Eins“ handelt von den unbewussten inneren, menschlichen Voraussetzungen dessen, was diese Art des Journalismus hervorbringt."

Bonner Generalanzeiger / Kölnische Rundschau, 18./19.05.2015

"Alles, was Marco zum Thema macht, muss groß sein. Jetzt will er eine junge Sängerin namens Lea Seeberg groß heraus brin- gen. Und was Ingolf Lück in der Rolle des Marco auf der Thea- terbühne in Hamburg zeigt, ist ganz großes Kino. „Seite Eins“ heißt dieses fesselnde Ein-Mann- Stück um den Boulevardjourna- listen Marco. Geschrieben hat das intensive Psychogramm, das gleichzeitig die Graubereiche des Mediengeschäfts ausleuchtet, der Blogger und Marketingstra- tege Johannes Kram. Im Vorfeld des Eurovision Song Contest 1998 hat Kram die clevere PR- Kampagne für Guildo Horn or- ganisiert, die zu einem Guildo- Hype führte – und letztlich zur Frischzellenkur für den angestaubten Gesangswettbewerb."

BILD

(anlässlich der Verleihung des Ehrenpreises des Deutschen Comedy-Preises an Ingolf Lück am 24. 10. 2014 in Köln)

"Im September feierte er am Theater Gütersloh die Premiere des medienkritischen Einpersonen-Stückes 'Seite Eins', das von den Kritikern begeistert aufgenommen wurde."

Neue Westfälische, (Gütersloh) 10.09.2014:

" 'Hier ist alles drin, Liebe, Geld, Macht, Vaterland', freut er sich über die Story. Wen außer Lea sollte es stören, dass er ihre private Seite darin frei erfunden hat? Auf der leeren Bühne – als Hinterwand fungiert eine garagentorartige graue Lamellenwand – befindet sich nur Marco und sein Smartphone, nach der Pause kommt noch ein Stuhl hinzu. Die Imagination der Zuschauer funktioniert in der bewussten Leere um so intensiver: Jeder erdenkt sich nach den Eckdaten "hübsch, unschuldig, ein bisschen wie die Romy früher" seine eigene Lea."

"Wahrheit und Gerechtigkeit haben in Johannes Krams Stück offenbar Pause: Im zweiten Teil erlebt das Publikum, wie Marco die unsicht- und unhörbare Lea so lange bedrängt, bis die nächste komplett erlogene Titelgeschichte in Druck gehen kann – diesmal sogar mit dem widerstrebenden Einverständnis der Erpressten. Denn nachdem zwölf Millionen Menschen gelesen haben, was Marco über Lea zusammenphantasiert hatte, gilt sie als 'Person der Zeitgeschichte', was ihr Persönlichkeitsrecht auf Privatsphäre erheblich einschränkt."

" 'Boulevardjournalismus ist Kunst', freut sich Marco. Und Mission: 'Irgendjemand muss aufpassen auf dieses Land.' Bequem in Abscheu zurücklehnen kann sich der Betrachter indes nicht: Ohne den Neid und den Voyeurismus der Massen könnte der Boulevard nicht funktionieren, wie er ist, erklärt Marco. 'Ich bin beeindruckt. Sie sind echt was Besseres", verbeugt er sich sarkastisch vor dem Publikum als Vertreter der anonymen Masse. Das dankt mit 'Standing Ovations' für 100 vielschichtige, fesselnde Minuten – und für eine unterhaltsame Aufklärung ins Sachen Boulevard."

Neue Westfälische (Bielefeld) 10.04.2016:

"Das Smartphone, es ist das einzige Requisit, das das Stück benötigt, um minuziös nachzuzeichnen, wie die Gier nach halbseidenen Nachrichtenfaktoren einen Journalisten korrumpiert, der einmal angetreten sein mag, um sich für das Wahre einzusetzen. Und dann erfahren musste, dass auch Nachrichten zur Ware schrumpfen, wenn ein System dem Menschen seine Moral abknöpft.

Ingolf Lück taucht tief in seine Figur Marco ein. Mit vielen Tempowechseln und einer beeindruckend konzentrierten Leistung hält er die Spannung in jeder Sekunde aufrecht: Sein Marco ist ein guter Ausgangspunkt für eine Debatte, wie wir uns gehaltvollen Journalismus eigentlich wünschen."

Neue Westfälische (Herford) 18.10.2017:

"Warum nicht über Selbstmörder schreiben und 'Witwen schütteln' um an Fotos zu kommen? 'Ja, das ist hart. Aber würden Sie die zerschmetterten Leichen in der Zeitung sehen wollen?' Immer wieder spricht Lück die Zuschauer direkt an, und es ist schwierig, sich von diesen Scheinargumentationen und Selbstrechtfertigungen nicht blenden zu lassen. „Je mehr sie bei uns lesen, desto kleiner aber kräftiger und farbiger wird ihr Bild" beschreibt Marco die Mechanismen, und verrät ein Geheimnis: 'Boulevard ist kein Trick, sondern Handwerk.'

'Gehen Sie weg, wenn Sie mich nicht mehr sehen können!' fährt er die Zuschauer an, „aber das können Sie ja nicht!" Treffender lässt sich der Erfolg der großen Boulevard-Zeitung kaum erklären, und nach dem Applaus beginnen Diskussion und Nachdenken."

Die Glocke, 10.09.2014:

"Mit stehenden Ovationen ist im ausverkauften Theater Gütersloh die Uraufführung von Johannes Krams gleichnamigem Stück „für einen Mann und ein Smartphone“ gefeiert worden. Lautstarke Anerkennung für Ingolf Lück, der sich mit seiner beachtlichen schauspielerischen Leistung aus der Schublade der seichten TV-Plaudertausche und des frechen Comedians katapultierte. Applaus aber auch für Theaterchef Christian Schäfer."

"Lücks Journalist ist durchtriebener, skrupelloser, intriganter. Ein Profiteur der medialen Großmacht. Mit Zuckerbrot und Peitsche treibt er seine hilflosen Opfer in die Enge, bis ihnen ungewollt zwei, drei Sätze herausrutschen, aus denen er seine Story zusammenlügt. Schon ist der junge singende Unschuldsengel als neues Promiluder auf die Titelseite genagelt. Schutz der Privatsphäre oder des Persönlichkeitsrechts? Wer auf Seite eins erscheint, wird zur Person der Zeitgeschichte, zum Freiwild. Und sollte tatsächlich mal einer mit Klage drohen, was soll’s? Auch daraus lässt sich eine Story machen. Garantiert."

"Krams Stück entlarvt nicht nur die perfide, alltägliche Maschinerie moderner Massenmedien und deren Macher, die sich ja nur als Steigbügelhalter menschlicher Eitelkeit sehen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Er hält auch dem Zuschauer und dessen Lust am Voyeurismus einen Spiegel vor. Denn was wäre die Boulevardpresse ohne all die Stammtischparolen, Sex, Skandal, Mord und Totschlag goutierenden Leser? 'Auch wenn das nicht die ganze Wahrheit ist, es ist die ganze Wirklichkeit“, verpasst Lück dem Publikum nach gut 100 Minuten den Gnadenstoß.'"

Westfalen-Blatt, 08.09.2014

"Der Klingelton seines Smartphones ist wohl gewählt. Nur allzu gut könnte der Queen-Klassiker »Don't stop me now« das Lebensmotto von Marco sein. Kaum wittert der Boulevardjournalist eine gut verkäufliche Geschichte, gibt es für ihn kein Halten mehr. Doch ist es dem Publikum wirklich zu empfehlen, den Stab zu brechen über den selbsternannten Meinungsmacher (...) ?  Je weiter die Geschichte aus der Feder des Berliner Autoren Johannes Kram sich entwickelt, desto eher ist der Zuschauer geneigt, Marcos Eingangsfrage »Finden Sie mich schlimm?« entschieden zu bejahen."

"Aber ganz zu einfach, anklagend mit dem Finger auf Marco zu zeigen, machen es Schauspieler Ingolf Lück und Regisseur Christian Schäfer ihrem Publikum am Ende dann doch nicht. Denn bei aller Selbstverliebtheit und Überheblichkeit lassen der sonst vor allem als Komiker bekannte Fernsehstar und der künstlerische Leiter des hiesigen Theaters den Boulevardjournalisten auch einige überzeugende, verletzliche Momente erleben. ("

"Nicht zuletzt hält der zwiespältige Charakter, den der gebürtige Bielefelder und leidenschaftliche Theatermann Lück überaus einfühlsam und mit feinem Gespür für wechselnde Stimmungen zum Leben erweckt, der Bevölkerung auch ihre eigene Verantwortung für die Machenschaften und Auswüchse des Boulevardjournalismus vor."

Trierischer Volksfreund (Interview), 27.01.2015

Mancher Theaterbesucher wird sich fragen: Bitterböse Satire oder Abrechnung mit BILD. Welche Antwort gibt ihm der Autor darauf?
Johannes Kram: Bitterböse ja, aber es ist auch ein sehr unterhaltsames Stück, das keine Wahrheiten predigt, sondern den Zuschauer mit seiner eigenen Rolle in den Medien konfrontiert. Es geht jedenfalls nicht darum, einseitig mit dem Finger auf die bösen Boulevardmedien zu zeigen. Wir alle sind Teil der Medien. Wir entscheiden durch unser Konsum-, Lese- und Zuschauerverhalten darüber, welche Medien wir in Zukunft haben werden. Wer sich anhand von BILD & Co. versucht, seine eigene Meinung zu bilden, ist selber schuld.

"Seite Eins" ist ein Stück für "Einen Mann und ein Smartphone". Eine Frau könnte die Rolle also nicht spielen - oder doch? Warum?
Kram: Guter Punkt. Über die Frage hatte ich mir bisher noch gar keine Gedanken gemacht. Es war wohl eine intuitive Entscheidung, dass das ein Mann sein muss. Gefährlichen Populismus, der sich weltoffen gibt, aber latent mit Rassismus, Homophobie und Sexismus spielt, gibt es natürlich auch bei Frauen. Aber noch sind es vor allem Männer, die versuchen, durch das Pflegen von Ressentiments ihre Vormachtstellung in der Gesellschaft zu verteidigen. Ich weiß, das klingt sehr nach den Debatten der 70er und 80er. Aber viele dieser Denkmuster sind heute noch präsenter als wir uns zugestehen wollen. Das Stück stellt die Frage, wie liberal wir wirklich sind.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Boulevardjournalismus in jüngerer Zeit?
Kram: In den letzten Jahren hat es der Boulevard geschafft, sich immer mehr als investigativer, aufklärerischer Journalismus zu inszenieren. Ein Meilenstein ist dabei die Wulff-Affäre, die auch in ,Seite Eins' aufgegriffen wird. Die ,klassischen' Medien tun sich hingegen schwer. Sie sehen sich durch die Digitalisierung einem enormen Zeit- und Kostendruck ausgesetzt, der dazu verführt, komplexe Themen zu personalisieren und zu skandalisieren.

Wird "Seite Eins" aktualisiert? Gerade angesichts der aktuellen Entwicklung mit Pegida würde das doch naheliegen?
Kram: Genau darüber haben wir letzte Woche diskutiert. Im Moment neige ich dazu, nichts zu ändern. Das Stück wurde vor Pegida geschrieben und uraufgeführt. Aber die Stimmung dieser Bewegung ist im ganzen Stück bereits sehr präsent: Dieser ,Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen'-Impuls, mit dem Menschen gegen Minderheiten hetzen und dabei so tun, als wäre das besonders mutig, weil sie ein angebliches Tabu berühren.
 

ONLINE-MEDIEN

krautreporter.de (Hans Hütt), 26.02.2015:

" (...) Die Journalistenschulen zwischen Hamburg und München sollten den Besuch des Stücks zum Pflichtprogramm in der Bewerbungsphase machen, so wie die Mediziner ein Praktikum absolvieren, um eine Idee von der künftigen Arbeit zu bekommen. Wem Eiter nur Ekel einflößt, der kann ja ins Parfümeriefach wechseln.

SEITE EINS stellt den zynischen Ton lebensgroß auf die Bühne. Wer sich in Textsorten und komplexen Plagiatsermittlungen auskennt, kommt schnell dahinter, dass wahrscheinlich jede Zeile des Stücks, jeder Satz Markos, ein mediales Vorleben besitzt. In der Montage des cut and paste entziffert Johannes Krams Stück die kulturelle DNA des Medienbetriebs, und das weit über die Grenzen des Boulevards hinaus. (...)

Livekritik.de (Maurice Morabel), 27.02.2015:

" ... Aufgezeigt wird weit mehr, als nur die uns altbekannte Kritik am Boulevard-Journalismus. Es geht um uns! Um das Publikum, den Leser! Er nimmt dabei zugleich die Opferrolle des Getriebenen, als auch die des Aggressors ein, der an der Entstehung eines großen Weltbildes mitwirkt und die sogenannten „Gutmenschen“ scharf verurteilt. Er, als das Sprachrohr all derjenigen, die gerne zuschauen und es nicht zugeben können. All die Sensationsgierigen. Die Menschen, die Boulevard-Journalismus erst möglich machen: Konsumenten!

Er konfrontiert den Zuschauer mit seiner eigenen Rolle im Umgang mit den Medien, denn wir wirken entscheidend mit. Nicht allzu bissig, bekommt aber jeder die Möglichkeit sich selbst positionieren zu können.

(...) Ein Stück mit den Themen unserer Zeit und einem Schauspieler, der es in seiner Solorolle und im Wechselbad seiner Gefühle, keine Sekunde langweilig werden lässt."

Theater Pur (Michael Cramer), Januar 2016

Hier nun ist das Publikum live dabei, wenn die junge Sängerin Lea versucht, sich den verhängnisvollen Gesetzen des Boulevards zu widersetzen. Sie ist neu im Geschäft, möchte ihre erste CD promoten und lernt dabei Marco kennen, einen windigen, selbstgefälligen und ständig telefonierenden Boulevardjournalisten, der dauernd nach einer gut verkäuflichen, reißerischen Geschichte ist. In Lea wittert der Profi die ideale Beute. Diese spielt mit dem Feuer; sie möchte zwar ihr Privatleben schützen und sich von der Boulevard-Szene fernhalten, braucht aber die Publicity für den Verkaufserfolg ihrer Platte. In Marco findet sie einen teuflisch guten Partner. Er lockt und droht, er erpresst und lügt. Und er redet sich ein, nichts Unwahres verbreitet zu haben. Doch er bringt Lea durch sein Geschäft mit ihr als publizistische Ware und durch seine reißerische Story aus ihrem Privatleben dann doch total in die Bredouille.

Perfekt als Marco ist der Comedian Ingolf Lück aufgestellt, der hier in der Rolle des hinterlistigen, gewitzten und überdrehten Boulevardjournalisten eine grandiose Einzelleistung hinlegte und im Bauturm mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Ununterbrochen telefonierend und über sich, seinen aktuellen Beutezug und das Leben in der Boulevard-Szene schwadronierend zeichnet er ein scharfes und glaubhaftes Bild über heutige Schreiber und Leser. Und bringt Letztere zum Nachdenken, mit welchen Methoden etwa BILD-Reporter an Informationen und kompromittierende Fotos kommen. Denn schon der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff titelte 1977 und vom BGH abgesegnet: „BILD lügt“. Auf die „Seite Eins“ der Boulevard- und Regenbogenpresse zu kommen bedeutet schon einen heftigen Verlust an Privatsphäre; denn die nur scheinbar total übersteigerte Geschichte ist in Wirklichkeit harte Realität, die im ausverkauften Hause auch immer wieder eine gewisse Betroffenheit aufkommen ließ.

Seite Eins hat viele Diskussionen über das Wirken von Medien ausgelöst, nicht zuletzt auch durch Ingolf Lück und seine fesselnde, keine Sekunde langweilige Darstellung selbst; ein einzelner Stuhl und sein Handy auf sonst total nackter Bühne reicht dafür aus. Das Stück sollte als eine Pflichtaufführung für die reifere Jugend und den „gemeinen“ Boulevard-Leser eingeführt werden.

MEEDIA-Interview mit Johannes Kram

"Warum ein Theaterstück über einen Boulevardjournalisten?

Boulevard und Klatsch ist überall, er hat es vom Frisörsalon auf die Startseite von FAZ.net geschafft. Die großen Boulevard- und “People”-Formate haben in den letzten Jahren viel dafür getan, als ernsthafte, aufgeklärte Medien betrachtet zu werden. Ihr oft gefährlicher Populismus versteckt sich hinter Harmlosigkeit. Die Bild-Leute haben Sarrazin und seine Agenda groß gemacht und sie können trotzdem so tun, als hätten sie damit nichts zutun, als sei ihr Blatt verantwortungsvoll und ausgewogen. Schliesslich, schaut her: Auch Alice Schwarzer schreibt für uns! Darüber hinaus geriert sich der Boulevard immer mehr als Volkstribun, der viel mehr als die angeblich realitätsferne und dekadente Politikerklasse dafür legitimiert ist, die Interessen des Volkes wahrzunehmen. Ich habe nicht den Eindruck, das dieser Aspekt der sogenannten Wulff-Affaire von der grossen Medien angemessen reflektiert worden ist. Vielleicht, weil sie zu nah dran sind. Theater kann den nötigen Abstand schaffen und deswegen ganz genau hinschauen. Es kann Menschen unmittelbar berühren und sie damit konfrontieren, dass auch sie selbst Teil des Geschehens sind. Aber wichtig war natürlich auch, dass der Typ Boulevardjournalist ein dankbarer Stoff für eine spannende und unterhaltsame Geschichte war."

Das ganze Interview ...

Ralf Höcker, Autor und Medienanwalt auf VOCER

" 'Seite Eins' zeigt auch, was in juristischer Hinsicht geschieht, wenn Menschen daran mitwirken, auf einer Titelseite zu landen: Wer sich selbst öffnet, verliert seine Privatsphäre. Er macht sich selbst zur Person der Zeitgeschichte, deren Privatheitsanspruch mit jedem Interview und jeder Homestory weiter schwindet. Die phrasenhaften Versprechen der Journalisten, dass man “alles vorher lesen” könne, wenn man ein bisschen aus seinem Privatleben erzähle und dass die Darstellung durchgehend positiv sein werde, helfen dem Proträtierten gar nichts und zwar selbst dann nicht, wenn sie stimmen sollten. Denn es gilt der vielzitierte Döpfner-Satz 'Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.' "

Wolfgang Storz,  ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und Autor der Studie “Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner” (PDF) 

"Ich kann natürlich nicht sagen, ob die Redakteure wirklich so gestrickt sind wie der Protagonist. Aber wie die Geschäfte laufen, die Kaltschnäuzigkeit, die man sich angewöhnen muss, um aus einer banalen Geschichte doch noch etwas Großes zu machen, sind schon realistisch beschrieben."

Hier geht es zum VOCER-Dossier zu "Seite Eins"

RBB Inforadio

"Der große Sympathieträger Ingolf Lück lässt vor den Augen seiner Fans die Hosen runter und outet sich in dieser Rolle als ganz besonders fieser Unsympath, der eine aufstrebende junge Sängerin nach den Gesetzen zynischer Medienverwertungs- und Verwurstungsmaschinen auf Seite Eins seines Massenblattes in die Pfanne haut - versehentlich sich selbst um ein Haar aber gleich mit.

Ingolf Lück macht das in diesem Stück des Bloggers und Marketingstrategen Johannes Kram sehr sehenswert."